6. Juni 20268 Minuten
Uns erreichen immer wieder Anfragen von Menschen, die gerne einen Community-Kalender aufbauen möchten, aber nicht genau wissen, wie sie das angehen sollen. Deshalb möchten wir in diesem Blogpost unser Wissen aus fünf Jahren Aufbau und Betrieb von EINTOPF – Kalender für emanzipatorische Politik und Kultur im Kessel – mit euch teilen. EINTOPF ist mittlerweile mit über 100 Gruppen und Tausenden Veranstaltungen zu einer beachtlichen Größe herangewachsen, doch bis zu diesem Punkt war es ein steiniger Weg.
EINTOPF wurde erstaunlicherweise während Corona gestartet, einer Zeit, in der Veranstaltungen nicht gerade im Vordergrund standen. Dennoch war klar: Es wird auch wieder andere Zeiten geben, und darauf arbeiteten wir hin. Bei EINTOPF kommt als Sonderfall hinzu, dass nicht nur der Kalender betrieben und bekannt gemacht werden musste, sondern auch die komplette Software selbst geschrieben wurde. Das wäre zwar nicht unbedingt nötig gewesen, da es auch damals schon Alternativen wie Mobilizon und Gancio gab, doch erstens hatten diese nicht genau die Features, die wir uns vorgestellt hatten, und zweitens hatten wir jede Menge Spaß am Programmieren. Schließlich wurde am 1. Mai 2025 aus der EINTOPF-Software offiziell LAUTI, das mittlerweile in verschiedenen Städten und Ländern sowie von diversen Communities genutzt wird.
Eine Sache haben wir schon früh festgestellt: Alleine ist man keine Community. 🙂 Und gemeinsam mit anderen macht es viel mehr Spaß. Falls du also alleine bist und einen Kalender aufbauen möchtest, such dir am besten Gleichgesinnte, denn dadurch steigt die langfristige Motivation, dranzubleiben.
Außerdem solltet ihr euch darüber klar werden, was für einen Kalender ihr eigentlich betreiben möchtet. Habt ihr eine thematische Community oder eine geografisch eingegrenzte? Welche Inhalte möchtet ihr auf dem Kalender sehen, welche lieber nicht? Und wer soll dort eigentlich alles vertreten sein? Es ist sinnvoll, sich von Anfang an Gedanken dazu zu machen und diese in einem Selbstverständnis niederzuschreiben, damit interessierte Gruppen oder Personen wissen, ob ihre Organisation oder ihre Veranstaltungen erwünscht sind.
Darüber hinaus empfehlen wir euch, einen Konsensprozess zu etablieren, um gemeinsam über die Aufnahme neuer Gruppen zu entscheiden. Auch dabei könnt ihr euch fragen: Wer soll darüber entscheiden, wer Zugang zu eurer Plattform hat? Welche Macht wird dabei von wem ausgeübt?
Natürlich muss an dieser Stelle überlegt werden, welche Software man für den Kalender einsetzt. Wie schon erwähnt, gibt es einige dedizierte Kalendersoftwares, aber auch WordPress mit einem Kalender-Plugin wäre denkbar. In Deutschland sind die meisten Städtekalender allerdings tatsächlich selbst gebaute Seiten, oft auf Basis von WordPress oder Drupal. Davon raten wir ab, um das Rad nicht neu erfinden zu müssen. Außer ihr habt Lust darauf. 🙂
Wir empfehlen euch natürlich LAUTI – surprise. 😜 Falls ihr Fragen habt, kontaktiert uns sehr gerne.
Solltet ihr nicht genug Skills haben, euren Kalender selbst zu hosten, sucht euch Verbündete, z. B. ein lokales IT-Kollektiv, das euch dabei unterstützt, oder meldet euch bei uns.
Doch die Auswahl der Technik tritt gegenüber der eigentlichen Herausforderung in den Hintergrund, die nun vor euch liegt: Wie macht ihr den Kalender bekannt? Und wie löst ihr das Henne-Ei-Problem? Ohne Veranstaltungen keine Nutzerinnen, und ohne Nutzerinnen sieht niemand den Sinn darin, die eigenen Veranstaltungen dort zu posten.
Wie durchbrecht ihr diesen Teufelskreis? Ganz einfach: indem ihr auf Menschen zugeht. Sprecht am Anfang vor allem mit den Gruppen oder Veranstalter*innen, deren Events ihr gerne im Kalender sehen würdet. Bei diesen Gesprächen kristallisiert sich auch heraus, auf wen ihr euch verlassen könnt, regelmäßig Inhalte bei euch zu platzieren. Das sind meistens Menschen, die von Anfang an den Sinn des Kalenders sehen und ihn unterstützen möchten. Und seid euch nicht zu schade, ihnen ein bisschen auf die Nerven zu gehen. Am Ende profitieren alle davon, wenn ihr eine florierende alternative Plattform aufbaut und nicht mehr so stark auf Big Tech angewiesen seid.
Wir haben in den ersten zwei Jahren auch noch mit Kaltakquise gearbeitet, da wir natürlich nicht zu allen Gruppen oder Orten direkte Kontakte hatten. Dafür haben wir eine Liste gepflegt mit Gruppen, denen wir direkt einen Einladungslink per Mail geschickt haben. Gebt euch beim Formulieren der Mail etwas Mühe und fügt ein kleines personalisiertes Anschreiben hinzu, statt einfach eine 100-prozentige Standardmail an alle zu verschicken.
Erwartet euch auch nicht zu viel von dieser Methode – die Erfolgsquote liegt sicher unter 20 %. Aber seid nicht zu enttäuscht: Einige der Gruppen, die sich zunächst nicht gemeldet haben, sind mittlerweile auf uns zugekommen, um dabei zu sein. Ein langer Atem zahlt sich aus.
Ein kleiner Anschub kann auch dadurch entstehen, dass ihr einige wichtige Veranstaltungen selbst erstellt, damit der Kalender etwas belebter aussieht. Dabei lauert allerdings die Gefahr, dass sich die Gruppen daran gewöhnen und sich darauf verlassen, dass ihr die Arbeit für sie macht. Wir empfehlen, diese Methode nur sehr dezent am Anfang einzusetzen und später nur in wenigen Ausnahmefällen Veranstaltungen selbst zu veröffentlichen. Die Gruppen müssen lernen, dass ihr „nur“ die Plattform bereitstellt. Für den Content sind sie selbst verantwortlich.
Eine weitere Methode wurde uns aus einer anderen Stadt berichtet: Dort wurden von den Betreiber*innen Gruppenprofile, Orte und Veranstaltungen selbst in LAUTI eingetragen. Mit diesem „Starterkit“ wurden die Gruppen kontaktiert, um ihnen anschließend die vorbereiteten User-Accounts zu übergeben. Wie gut diese Methode funktioniert, können wir allerdings noch nicht genau sagen. Sobald es dazu mehr Erfahrungen gibt, berichten wir davon.
Um Menschen, die auf der Suche nach Veranstaltungen sind, auf euren Kalender aufmerksam zu machen, gibt es ebenfalls verschiedene Methoden. Wir haben uns unter anderem einen Grundstock an Werbematerial zugelegt: verschiedene Aufkleber, Flyer, Plakate und ein selbst gemaltes Banner für Veranstaltungen. Für Weiteres sind eurer Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Flyer und Plakate solltet ihr möglichst an allen vertretenen Orten auslegen. Noch wichtiger ist jedoch der direkte Kontakt mit Menschen. Es bietet sich an, auf Demos oder Veranstaltungen, auf denen ihr eure Zielgruppe vermutet, direkt Menschen anzusprechen: „Kennt ihr schon den neuen unkommerziellen Kalender in …?“ Den dazugehörigen Flyer nehmen die meisten dankend an.
Bei uns hat die Phase, in der wir EINTOPF aktiv und mit vielen Arbeitsstunden beworben haben, etwa zwei bis drei Jahre gedauert. Dann war der Punkt erreicht, an dem der Kalender einen solchen Bekanntheitsgrad hatte, dass er zum Selbstläufer wurde. Ab diesem Zeitpunkt sind auch regelmäßig neue Gruppen auf uns zugekommen, um Teil der Plattform zu werden.
Es gibt mehrere Gründe, warum ein Community-Kalender moderiert werden sollte. Einerseits ist es unserem Verständnis nach (wir sind keine Jurist*innen) in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, da ihr anderen eine Plattform zum Veröffentlichen von Inhalten anbietet. Deshalb seid ihr dafür verantwortlich, illegale Inhalte zu entfernen – spätestens dann, wenn ihr darüber informiert werdet.
Außerdem liegt es natürlich in eurem eigenen Interesse, nur Inhalte auf eurem Kalender zu haben, die eurem Selbstverständnis entsprechen.
Wir haben im Laufe der Zeit zwei verschiedene Moderationsansätze identifiziert. Zum einen gibt es die Methode, jeden Inhalt vor der Veröffentlichung zu prüfen und freizugeben, also neue Gruppen, Orte und jede einzelne Veranstaltung. Dadurch habt ihr natürlich die direkte Kontrolle über alle Inhalte, doch der Aufwand kann bei größeren Instanzen schnell sehr groß werden. Wenn ihr nicht hinterherkommt, sind Menschen womöglich enttäuscht, weil ihre Veranstaltungen nicht rechtzeitig online gehen.
Wir haben uns deshalb für die indirekte Moderation entschieden. Diese ist aktuell auch die einzige, die es in LAUTI gibt. Dabei werden Gruppen und Orte einmalig am Anfang geprüft und gegebenenfalls mit einem Account ausgestattet. Mit diesem Account können sie anschließend selbstständig und ohne einzelne Freigaben ihre Inhalte veröffentlichen. Ihr schaut lediglich ab und zu über die Veranstaltungen, um zu prüfen, ob alles im Rahmen ist.
Um gemeinsam im Kollektiv über eine Aufnahme zu entscheiden, verwenden wir Loomio und starten dort für jede Anfrage einen zweiwöchigen Konsensprozess. Kristallisieren sich dabei Bedenken heraus, kommunizieren wir diese an die betreffende Gruppe zusammen mit einem Vorschlag für einen Konsens. Falls kein Konsens gefunden wird, können Gruppen nicht Teil des Kalenders werden.
Je nachdem, um was für eine Community es sich handelt, stellen sich unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich der digitalen Sicherheit – sowohl für euch als auch für eure Community.
Für euch als Betreiber*innen stellt sich die Frage, wie einfach ihr durch den Betrieb des Kalenders zu identifizieren seid. Falls ihr in eurem Staat gesetzlich dazu verpflichtet seid, euren Namen auf der Webseite anzugeben, überlegt euch, welche Maßnahmen ihr treffen könnt, um eine Identifizierung zu erschweren. Zumindest eure Wohnadresse solltet ihr nicht angeben. Fragt zum Beispiel bei befreundeten Organisationen oder Orten nach, ob ihr deren Postanschrift verwenden dürft. Alternativ gibt es auch kostenpflichtige Dienste, die eine Postadresse zur Verfügung stellen.
Weitere Aspekte, die es zu beachten gilt, sind die Identifizierung gegenüber dem Serverbetreiber, dem Domain-Anbieter und natürlich gegenüber eurem Internetprovider während der Serveradministration. Auch hierfür lassen sich Dienste finden, die den Schutz eurer Privatsphäre erhöhen.
Eure Nutzer*innen schützt ihr am besten dadurch, dass ihr so wenig Daten wie möglich sammelt. Das bedeutet einerseits, die Aufzeichnung von IP-Adressen in den Server-Logs möglichst zu unterbinden, aber auch bei der Erhebung von Nutzungsstatistiken sparsam zu sein. Verzichtet also auf Google Analytics und ähnliche Datensammler und nutzt stattdessen datenschutzfreundliche Alternativen wie Plausible oder Umami. Aktiviert dort zusätzlich die Anonymisierung von IP-Adressen. Idealerweise hostet ihr diese Dienste auch selbst.
Wir haben uns bei LAUTI dafür entschieden, so wenige Daten wie möglich zu speichern. Zum Anschauen von Veranstaltungen ist kein Account nötig, und für einen Account benötigt man lediglich eine E-Mail-Adresse und einen Spitznamen. Darüber Hinaus werden natürlich keine Nutzungs-Profile erstellt.
Wie bereits erwähnt, braucht der erfolgreiche Aufbau eines Community-Kalenders einen langen Atem. Stellt euch auf einige Monate bis hin zu mehreren Jahren kontinuierlicher Arbeit ein, wobei sich intensive und weniger intensive Phasen durchaus abwechseln können.
Wir können jedoch aufgrund der wachsenden Nutzung und des vielen positiven Feedbacks, das wir erhalten, sagen, dass sich die Arbeit auf jeden Fall lohnt.
Wenn du bereits einen Community Kalender betreibst und deine Erfahrungen teilen möchtest, melde dich über Matrix oder unsere Fediverse-Kanäle bei uns – wir aktualisieren diesen Artikel gerne.